Dienstag, 4. Januar 2011

Gedanken


Verdammte Sucht.

Leise brodelt die Kaffeemaschine in der Küche und verströmt einen aromatischen Duft. Mit zittrigen Händen greift Christiane nach einer Schachtel, die in ihrer Hosentasche steckt. Beim öffnen der Packung, grinsen sie zwei blütenweiße Zigaretten an. Harmlos sehen sie aus, so unschuldig und rein, doch Christiane ist ihnen verfallen. Wütend wirft sie die Schachtel auf den Tisch und füllt sich eine Tasse mit dem fertig gebrühten Getränk.
Auf dem Stuhl sitzend geniest sie jeden Schluck ihres Kaffees. Den Blick starr auf die Packung gerichtet, kreisen ihre Gedanken ständig um das Gleiche.
„Nur noch zwei Stück, wie lange halte ich das aus?“
In der Nähe ist ein Kiosk, dort könnte sie sich Nachschub holen, doch ihr Innerstes schreit „Nein!“

Seit mehreren Tagen wird sie von Hustenanfällen heimgesucht. Im Taschentuch sind graue Spuren sichtbar, wenn sie es sich vor den Mund hält. Allein das ist schon erschreckend genug, doch am schlimmsten sind ihre Nächte.
Mitten im Schlaf bleibt ihr die Luft weg. Wie ein Astmahtiker ringt sie dann um freies Atmen, immer begleitet von einem hellen Pfeifton.
Christiane leidet nicht an Astmah. Hat es nie gehabt und ist auch von ihrer Familie her nicht mit dieser Krankheit vorbelastet.

„Ich muss aufhören zu rauchen, jetzt und sofort. Solche Horrornächte sind ein Warnschuss vorm Bug. Nikotinpflaster? Ha, dass ich nicht lache! So was ist doch Kinderkacke.“

Ihre Gedanken schweifen zu jener Zeit zurück, als sie noch zur Schule ging.
„Warum hatte ich nur angefangen?
Jeder vernünftige Mensch sagte mir:
„Lass die Finger vom Rauchen. Es stinkt, ist teuer, wie Hund und ruiniert Deine Gesundheit.“
Aber ich konnte es ja nicht lassen. – Fühlte mich erwachsen, wollte dazu gehören und sterben muss doch sowieso jeder irgendwann. Ist doch egal, an was. Genau so dachte ich.
Jugendlicher Leichtsinn. Ja, der wird auch dahinter gesteckt haben.
Sie erinnert sich noch gut an die ersten Züge ihres Lebens.
Mann oh Mann, war mir schlecht geworden. Und husten musste ich. Hab mir fast die Seele aus dem Leib gehustet.
„Das gibt’s doch nicht. Was die Anderen können, das kann ich auch.“
War ich blöd damals. Genauso blöd, wie meine Freundinnen. Ob die immer noch rauchen? Weiß nicht. Hab sie aus den Augen verloren.

Ab morgen ist Schluss damit! Erst wasche ich alle Gardinen und dann wird gründlich der Hausputz erledigt. Arbeit lenkt ab. Kaugummis muss ich mir noch kaufen, die beruhigen. Ich werde es schaffen aufzuhören, ganz bestimmt.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Eine Nacht mit dem Weihnachtsmann.




Wenn die Feiertage beginnen, herrscht bei mir Hochbetrieb. Jahr für Jahr wird es schwieriger, die in mich gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Hat sich jemand mal Gedanken darüber gemacht, wie ich an den geschmückten Baum rankommen soll?
Selbstverständlich nicht, warum auch?
Geschenke müssen drunter liegen, so verlangt es die Tradition und damit hat’s sich dann aber auch.
Bisher klappte alles zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten, was sollte sich daran ändern?

Doch heutzutage bleibt mir kein Schlupfloch mehr übrig, durch das ich durchkriechen kann.
Früher, da wurde jede Wohnung mit Öfen beheizt. Ganz im Gegensatz zu dem, was in Büchern steht, oder in Filmen zu sehen ist, bin ich am liebsten durch den Herd in der Küche gekrochen. Der war wenigstens nach Mitternacht kalt gewesen und ich habe mir nicht den Kittel verbrannt.
Seitdem fast jedes Haus eine Zentralheizung hat, geht die ganze Romantik flöten und ich muss mir etwas anderes einfallen lassen.

Warum werden Weihnachtsbäume eigentlich nicht gleich neben dem Heizkessel aufgestellt? Das wäre doch mal eine Idee, die Sinn macht. Nach all den Jahren treuer Dienste darf ich ein wenig Entgegenkommen wohl erwarten – oder?
Warm ist es dort auch, ohne zusätzliche Energiekosten zu verplempern.
Einzelne Mietparteien könnten sich den Preis für einen gemeinsamen Tannenbaum teilen. Geiz ist – nein, ich will’s einfach nicht mehr sagen.
Sollte jemals der Baum abfackeln, - einfach die Tür schließen, Feuerwehr anrufen und der Schaden würde gering bleiben, wenn’s überhaupt einen gäbe.
Kinder hätten bestimmt nichts gegen einer Feier im Keller einzuwenden. In dem dunklen Raum käme die Kerzenbeleuchtung richtig gut zur Geltung und keine Mutter würde rumnörgeln:„Zieh dich anständig an und wasch Dir die Hände“.
Bei dem dort herumliegenden Staub, fallen die größten Dreckspatzen nicht mehr unangenehm auf. Etwas mehr Mut zum Außergewöhnlichen und viel Ärger ließe sich vermeiden.
Ein weiterer Plus-Punkt meiner Idee ist, dass sich dabei die Hausbewohner besser kennenlernen können und ältere Menschen, die alleine leben, am „Heiligen Abend“ nicht so traurig sind.

Doch Vater und Mutter wollen es ja festlich haben und verbringen die friedlichste Zeit des Jahres im blitzblank geputzten Wohnzimmer.
Um dem Anlass gerecht zu werden ziehen sie Kleidung an, die nur ganz selten getragen wird. Manche Ehefrau behängt sich mit so viel Schmuck, dass sie mit dem Weihnachtsbaum um die Wette glitzert. Bei all dem künstlichen Schein weiß ich gar nicht, wo ich hinschauen soll. Fehlt nur noch, dass sie eine brennende Kerze in der Hand hält. Wer wird es mir dann übel nehmen, wenn ich die Geschenke unter ihrem Kleidersaum lege?
Man sagt zwar, irren sei menschlich, aber mir können auch Fehler passieren.

Weil die einzelnen Wohnungen dicht verschlossen sind, bleibt mir nichts anderes übrig, als einzubrechen. Es ist nicht meine Schuld, doch was soll ich sonst machen?
Im Fernsehen berät die Kriminalpolizei, wie man sich vor Dieben schützt. Die Spezialisten wollen möglichst viele Leute aufklären, wie leicht ein Dieb in ihr Haus eindringen kann. An mich denkt dabei natürlich keiner.
Wenigstens gehe ich nicht unbefugt rein. Die meisten Menschen erwarten mich sogar. Warum öffnen sie dann nicht ein Türchen für mich?
Ein ganz kleines würde reichen, dass nur in dieser besonderen Nacht offen wäre. Ich finde es ganz bestimmt. Als berufsmäßiger Einbrecher, bleibt mir keine Gelegenheit verborgen.

Im Sack, den ich mit mir rumschleppe, sind nur ganz selten Geschenke drin. Das war früher anders. Die Geschenke werden heutzutage von Angehörigen oder Bekannten besorgt, ich bringe nur noch den Segen der Weihnachtszeit. Mir kann’s Recht sein, dann ist auch niemand nach meinem Besuch enttäuscht.
Umtauschen geht auch leichter, wenn der Kassenbon vorliegt. Erklären Sie Mal einer Verkäuferin, dass der Weihnachtsmann nicht weiß, welche Konfektionsgröße Sie haben. Auf diesem Ohr ist sie taub. Ohne den richtigen Zettel, nimmt die Dame absolut nichts entgegen.
Heutzutage habe ich meist Werkzeug dabei.
Brecheisen, Zange, Gummihammer, Schläuche, Batterie, Kompressor, Betäubungsgas und jede Menge Brandsalbe gehören zur Grundausstattung eines jeden Weihnachtsmannes. Ganz schön schwer das Zeug, dabei habe ich noch lange nicht alles aufgezählt.
Kann mir sehr gut vorstellen, wer alles auf den Inhalt meines Sacks scharf wäre. Aber diese Typen bekommen ihn nicht. Ehrenwort.

Wie ich die Eingangstür aufbreche, ohne Spuren zu hinterlassen, wird nicht verraten. In dieser Hinsicht bin ich vorsichtig geworden. Nachher zeigt mich noch jemand wegen Verbreitung krimineller Tricks an.
„Weihnachtsmann in Polizeigewahrsam“.
Klingt wie eine Schlagzeile aus der Regenbogenpresse.
Die Gesetzeshüter würden blöd gucken, weil sie bei mir keine Fingerabdrücke abnehmen können. Auch mit ihrem Gen-Test kommen sie nicht weiter, denn damit können nur Menschen identifiziert werden.
Mit breitem Lächeln denke ich an den Innenminister, der ganz schön ins Rotieren gerät, wenn, er davon erfährt. Diese Art ziviler Verweigerung würde ihn so lange keine Ruhe lassen, bis er Mittel und Wege gefunden hat, dem zu begegnen.
Wer sich erfolgreich dem Erkennungsdienst entzieht, der muss ein ganz gefährlicher Typ sein. Die hart erarbeitete nationale Sicherheit geht den Bach runter, wenn so etwas Schule macht. Jeder hat etwas zu verbergen und was das ist, müssen die armen Kripobeamten halt irgendwie heraus bekommen.

Dabei kennt mich doch jeder.
Falls nicht, dann einfach bei Oma nachfragen, die weiß Bescheid. Wer keine Großmutter hat, der kann auch ins Seniorenheim gehen. Dort sitzen genügend qualifizierte Leute herum, die sich über jeden Besuch freuen und gerne Auskunft geben.
Aber auf so eine Idee kommt niemand. Ab einem gewissen Alter, werden Menschen nicht mehr ernst genommen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich öfter als Witzfigur hingestellt werde.
Allen Märchentanten, die mit unermüdlichem Erzählen den wahren Geist von Weihnachten erhalten, spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus.
Sie wissen, dass ich auf die Erde komme, um zu geben und nicht, um zu nehmen.
Deshalb werde ich mich davor hüten, Angst vor eingebildeten Straftaten zu nehmen. Den Staatsdienern tue ich keinen Gefallen damit. Arbeitslose gibt es schon genug im Lande.

Wenn ich alle, mir zugewiesenen Wohnbauten abgeklappert habe, sind Einfamilienhäuser dran.
Das ist wesentlich einfacher, denn oft ist bei denen ein offener Kamin eingebaut worden.
Einfach durchs Rohr geflutscht und schon bin ich drin.
Dumm ist nur, wenn die Feuerstelle mit Gussrahmen und hitzebeständigem Glasfenster abgedichtet wurde. Auch so eine neue Mode, auf die ich vorbereitet sein muss.
In dieser Situation kommt meine Brechstange im Einsatz. Ruck zuck ist das Türchen aufgehebelt.
Richtig unangenehm ist es nur, wenn im Kamin noch Feuer brennt.
Trotzdem wird von mir erwartet, dass ich aufgehängte Strümpfe mit Leckereien fülle. Verschmorte Barthaare mit Ruß bestäubt könnte ich in die Socken legen, und damit schön dreckig machen. So eine kleine Rache würde mir richtig gut tun.
Aber dann überlege ich es mir noch rechtzeitig und erfülle den Wunsch der Hausbesitzer. Schließlich ist Weihnachten.
Bevor ich zum nächsten Einsatzort eile, sind meine Brandblasen verheilt.

In einem Wohnzimmer sitzt ein kleiner Junge mit rot verheulten Augen. Wie ein verknäultes Taschentuch sieht er aus, ein Bild des Jammers.
Weit und breit ist kein Angehöriger zu sehen, der ihn tröstet.
Ohne Kinder würde es mich gar nicht mehr geben. Nur die Kleinen glauben noch an Wunder zur Weihnachtszeit und geben mir eine Existenzberechtigung.
Irgendwas stimmt hier nicht. Neugierig gehe ich zu dem Kind und spreche es an.

„Warum weinst Du? Gerade in diese Nacht solltest Du Dich freuen, weil der Weihnachtsmann kommt und Geschenke bringt. Alle anderen Kinder liegen um diese Zeit längst in ihrem Bettchen und schlafen.“
Der Kleine erschreckt nicht mal, als ich plötzlich vor ihm stehe. Zu sehr hält ihn sein Unglück gefangen.
„Ich will keine Geschenke und den Weihnachtsmann gibt es sowieso nicht“, mault er mich an.
„Keine Geschenke? Das ist allerdings bedenklich.
Wer hat gesagt, es würde mich nicht geben? Schau mich an. Wie sehe ich aus?“
„Ehrlich gesagt, ziemlich bescheuert. Als Einbrecher solltest Du Dich nicht als Märchenfigur verkleiden.“
„Was ich anhabe ist kein Kostüm, sondern mein Arbeitsanzug. Ich laufe das ganze Jahr so rum.“
„Ehrlich? Warum das denn? Sieht ja lächerlich aus.“
„Hast Du schon mal einen Weihnachtsmann mit Schlips und Kragen gesehen, oder, noch schlimmer, dass er Shorts und Sandalen anhat?“
„Nee, noch nie.“
„Eben drum. Wenn ich etwas anderes trage, dann erkennt mich ja keiner.“
„Du willst der wirkliche, einzig wahrhaftige Weihnachtsmann sein?“
„Es gibt nicht nur einen Vertreter meiner Art. Wir sind sogar recht viele. Aber für Dich werde immer nur ich zuständig sein. Auch wenn Du groß bist und nicht mehr an mich glaubst.“
„Kannst Du Wunder vollbringen?“
„Ist es denn kein Wunder, wenn Menschen sich vertragen?“
„Ich meine wirkliche Wunder, so was ganz und gar unmögliches.“
„Einen Elefanten werde ich Dir jetzt nicht herbeizaubern.“
„Nein, nein, das meine ich nicht.“
„Was willst Du dann?“
„Ich möchte bei meiner Mama sein. Seit sie tot ist, bin ich jedem im Weg und kommendes Jahr, werde ich in ein Internat abgeschoben. Selbst in dieser Nacht kümmert sich Papa nur um seine Freundin.
Früher benahm er sich mir gegenüber ganz anders. Er hatte mich richtig lieb. Stolz spielte er mit mir und lachte, wenn ich etwas besonders gut konnte. Doch seit diese aufgetakelte Ziege ihn in ihren Klauen hat, wünscht er sich, ich wäre bei dem Autounfall auch gestorben.“
„Na, na, übertreibst Du nicht ein bisschen?“
„Das tu ich nicht!“, trumpft das Kind trotzig auf. Dann erzählt es alles, was auf seinem kleinen Herzen liegt und so fürchterlich weh tut.
Voller Mitleid möchte ich der verletzten Seele des Kleinen Linderung verschaffen.
„Komm mit und leg Dich ins Bett. Wenn Du die Augen zu machst, dann bringe ich Dich zu Deiner Mutter. Versprochen.
Dein und ihr Herz sind untrennbar miteinander verbunden. Spreche Dich mit ihr aus. Ihr Rat wird Dir helfen. Du bist nicht allein, warst es nie gewesen und wirst es in auch Zukunft nicht sein“.
Bereitwillig geht der Junge mit mir in sein Zimmer und legt sich hin. Vertrauensvoll schließt er die Augen. Kurz darauf steht seine Mutter vor ihm.
Lächelnd sehe ich zu, wie sich beide glücklich umarmen.

Mein nächstes Ziel ist eine vornehme Villa.
Unbekümmert gehe ich rein, als ein ohrenbetäubender Krach mich erschreckt. Verdeckt installierte Bewegungsmelder haben den Höllenlärm ausgelöst, weil eine Kugel vom Tannenbaum runter gefallen ist und durchs ganze Zimmer rollt. Dennoch bleibe ich ganz ruhig. Bis der Wachdienst aufkreuzt, bin ich längst wieder weg. Die kriegen mich nie, lache ich mir ins Fäustchen.
„Stehen bleiben, Hände hoch, umdrehen“, brüllt mich jemand hinter meinem Rücken an.
Ich tue dem Schreihals den Gefallen und stehe einer mannshohen Schmeißfliege gegenüber. Rechts und links von ihr tauchen zwei weitere Exemplare der gleichen Gattung auf.
Es sind Menschen, die schwarze Lederkleidung anhaben, ihren Oberkörper mit schusssicheren Westen schützten, rutschfeste Stiefel und auf dem Kopf Helme tragen, die an Facettenaugen eines Insekts erinnern.
„Was machen Sie da?“, herrscht mich eine der vermummten Gestalten an. Drohend hat sie ein Maschinengewehr auf mich gerichtet.
„Nach was sieht es denn aus?“
Ich breite meine Arme aus und drehe mich so, dass die ganze Kleidung begutachtet werden kann.
„Still stehen, sonst…“
„Was sonst. Wollen Sie wirklich hier rumballern und die Bewohner des Hause zu Tode erschrecken?“
„Ich stelle die Fragen! Wer sind sie und was haben Sie hier zu suchen?“
„Sie glauben mir ja doch nicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich der Weihnachtsmann bin und von den Kindern des Hauses sehnlichst erwartet werde.“
„Verarschen kann ich mich alleine“.
„Warum tun Sie es dann nicht?“
„Maul halten Bürschchen. Dir wird das Lachen schon vergehen. Festnehmen!“
Als die untergeordneten Kollegen des Brüllaffen das Kommando hören, stürzen sie sich auf mich und – fallen mit voller Wucht zu Boden.
Autsch, das muss weh getan haben.
„Wer nicht an mich glaubt, für den bin ich Luft, wie Ihr gerade herausfinden konntet“, erkläre ich den verdutzten Wachmännern.
„Warum seid Ihr eigentlich so schnell gekommen? Normalerweise bleiben mir noch ein paar Minuten, nachdem der Alarm ertönt“.
„Aber nicht, wenn ein Politiker im Haus wohnt. Der wird rund um die Uhr vom BKA bewacht“.
„Ach so. Gewählte Volksvertreter, müssen vor normalen Bürgern beschützt werden. Das hätte ich mir eigentlich denken können. Zum Glück bin ich nicht gewählt worden. Mir will niemand an den Kragen.
Ob ihr’s glauben wollt, oder nicht, ich bin der Weihnachtsmann. Aber für Euch wäre es besser, Ihr würdet nichts von mir im Bericht erwähnen. Wer befördert werden will, der darf sich nicht lächerlich machen.“
„Ich befördere Dich gleich – nach draußen“, knurrt der Anführer ärgerlich.
Meine Gegenwart scheint ihm unheimlich geworden zu sein. Es gibt keine Vorschrift in der steht, wie er mit mir umgehen soll. Seine ganze, durch Paragraphen geregelte Welt, gerät mit meinem Erscheinen ins Wanken.
„Hast Du’s immer noch nicht kapiert? Wie willst Du jemanden rauswerfen, den es Deiner Meinung nach gar nicht gibt?“
„Aber ich sehe Dich doch und kann hören, was Du sagst“.
„Das ist alles nur Einbildung, vertraue mir. Es gibt keinen Beweis für meine Existenz. Es sei denn, Du glaubst an mich. Dann ist die Sache allerdings komplizierter. Jedoch versichere ich Dir, dass Du Dich bei Deinem Arbeitgeber zum Gespött machen wirst, wenn das bekannt werden sollte.
„Hau endlich ab, ich habe nichts gesehen!“
„Kommst Du auch bei mir zu Hause vorbei? Meine Kinder freuen sich riesig, wenn der Weihnachtsmann da war“, fragt noch ganz schnell einer der vermummten Männer.
„Wo ist das?“
„Wahrend ich die Adresse bekomme, zischt sein Vorgesetzter „ hundsgemeiner Verräter“.
„Bin gleich bei ihnen. Fröhliche Weihnachten“, wünsche ich allen Anwesenden und verschwinde.

Als ich den Flur der Wohnung des BKA-Beamten betrete, zieht ein stechender Geruch in meine Nase. Ich ahne woher der kommt. Beim öffnen des Schuhschranks, wird das ganze Elend sichtbar. Von außen sind die Treter der dort lebenden Kinder zwar sauber geputzt worden, doch das ändert nichts daran, dass mir beinahe die Luft wegleibt.
Winterstiefel befinden sich auch im Schrank. Deren Dunst, erinnert an überreifen Käse. Kampfgas könnte nicht übler riechen.
Solche Stinkstiefeln, doch keine Damenschuhe in Sicht, lassen mich vermuten, dass ich in einem reinen Männerhaushalt gelandet bin. Die Kleinen scheinen keine Mutter zu haben, deren Näschen empfindlicher und die sich um nicht sichtbare Dinge des Lebens kümmert.
In Gedanken höre ich schon empörtes Aufschreien der Männerwelt. Das könnt ihr euch sparen, meine Herren. Es ist eine Tatsache, dass ihr gerne überall eure Duftmarke hinterlasst und es überhaupt nicht merkt. Wie viele Jahre vergingen, bis das erste Männer-Deo in den Regalen der Märkte stand? Damals traute sich kaum jemand, den sportlich herben Duft an sich ran zu lassen. Aber ein, seit drei Tagen verschwitztes Hemd, wanderte noch lange nicht in den Wäschekorb. Es sei denn, die genervte Hausfrau hatte es klammheimlich hinein getan.
Ein ähnliches Phänomen begegnet mir jetzt bei den Kindern und dem, was sie an ihren Füßen tragen.
Als hätten sie ihre Nasen abgeschraubt, scheint sie Käsfußgeruch nicht zu stören. Normaler Weise steckt eine Mutter solche Turnschuhe ab und zu in die Waschmaschine, doch so ein hilfsbereiter Geist scheint in diesem Haushalt zu fehlen.
Was kann ich jetzt bloß tun?
Süßigkeiten in alte Schweißlatschen zu stecken, verbietet mir meine Ehre als Weihnachtsmann. Welchen Geschmack würden Lebkuchenherzen und Zimtsterne wohl in kürzester Zeit annehmen?
Pfui Teufel, besser nicht daran denken, sonst wird mir schlecht.
Ratlos sehe ich in meinem Sack nach und entdecke die Lösung des Problems.
Wie aus dem Nichts, liegen zwei Paar Turnschuhe bester Qualität drin. Ich schöre, sie nicht eingepackt zu haben. (Die Marke geht niemand was an, doch beide Kinder werden begeistert sein) Erleichtert fülle ich sie mit Marzipankugeln und andere Leckereien.
So macht die Bescherung richtig Freude. Zu gerne würde ich in die leuchtenden Augen der Kleinen blicken, wenn sie ihre Gaben entdecken.

Ich warne ausdrücklich davor darauf zu spekulieren, dass der Weihnachtsmann neue Schuhe besorgt. So etwas müssen Eltern, oder andere Erwachsene tun, die in irgendeiner Verbindung zu den Kindern stehen. Dieser Fall war eine absolute Ausnahme. Meiner Meinung nach wird sich so was nicht wiederholen.
Wenn Wunder geschehen, dann habe ich sie nicht bestellt und bin nur Erfüllungsgehilfe einer höheren Macht.

Für den Moment habe ich die Schnauze gestrichen voll. Sollen meine Kollegen weiter machen, ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten.
Was ist in dieser in dieser Nacht alles geschehen?
Mehrere Einbrüche in fremde Wohnungen gehen auf mein Konto.
Bin ins offene Feuer getappt,
habe ein Kind entführt,
mich mit dem BKA angelegt,
und der Gestank von Schweißfüßen, haftet immer noch in meiner Nase.

Es reicht. Jetzt brauche ich dringend eine Verschnaufpause.
„Tschüß, bis zum nächsten Jahr“.

Erster Schnee



Schneeflocken schwebten durch die Luft und sanken herab. Der Boden war für die zarten Gebilde noch zu warm. Kaum erreichten sie die Erde, schmolzen sie.
Erwartungsvoll begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen so lange ein, bis sie glänzten. Bald konnten die ersten Rutschpartien losgehen. – Wenn das kein Grund zu Freude war.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah und lief aufgeregt zum Haus ihres Großvaters.
Sie mochte ihn sehr gern. Er hatte immer Zeit und beantwortete die kniffligsten Fragen, ohne jemals die Geduld zu verlieren.

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter, warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne. Das alles konnte sie fragen, ohne jemals gesagt zu bekommen:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als ihre Eltern dem Mädchen zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an. Mit Opa konnte Sarah über all das reden, worüber sie nachdachte.

Großvater besaß ein Mikroskop. Er hatte lange dafür sparen müssen, bis er sich dieses Ding leisten konnte. Es war sein ganzer Stolz. Niemand durfte es anfassen, auch seine kleine Enkelin nicht. Wenn Opa alleine war, dann beschäftigte er sich stundenlang damit. Sarah fand es langweilig, immerzu durch die Linse zu sehen. Dazu hätte sie keine Geduld gehabt. Ihre Welt war viel zu aufregend.

Als Sarah das Zimmer betrat, in dem ihr Opa sich aufhielt, wunderte sie sich darüber wie kalt es war.
„Mach doch das Fenster zu und die Heizung an, oder willst du Eiszapfen im Zimmer haben?“
Ihrem Großvater traute sie alles zu. Er war in ihren Augen ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil es begonnen hat zu schneien. Komm her zu mir, ich möchte dir was zeigen, dass dir gefallen wird.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?“
„Leider ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich sofort auflösen, wenn die Temperatur ansteigt.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Interessiert schaute Sarah ihren Opa an. Ihr Blick fiel auf das Mikroskop, das auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee, du hast aber von Sternen gesprochen.“
„Einen Augenblick noch, du wirst sie gleich sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann nahm der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Ja, genauso wollte ich sie haben. Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Etwas skeptisch kam Sarah näher, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja phantastisch! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind – aber, hast du etwas dagegen, wenn ich jetzt die Heizung wieder aufdrehe? Es ist fürchterlich kalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer wieder richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell.
„Fallen immer Eissterne vom Himmel wenn es schneit?“
„Liebes Kind, Schnee besteht doch aus Kristallen die wie Sterne aussehen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Jedes sieht ein kleines bisschen anders aus. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“

„Oh ja, aber dafür muss ich erst nach Hause.“
„Geh nur Kleines, aber pass auf, dass du nicht hinfällst. Die Wege sind glatt geworden. Morgen kannst du mir dein Bild zeigen. Vergiss bitte nicht immer sechs gleiche Enden zu malen. Dann erkennt jeder, dass du eine Schneeflocke gezeichnet hast.“

Tannenbaum in Not




Schneegestöber bedeckte die Kleinstadt mit einem dicken Mantel aus eisigen Kristallen. Räumdienste waren rund um die Uhr im Einsatz. Kaum hatten Bewohner den Gehweg vor ihren Häusern freigeschaufelt, hinterließen tiefe Fußabdrücke von Passanten erneut eine Spur. Nur wer Zeit hatte, inne zu halten und sich umzusehen, entdeckte die Schönheit, des in ein Winterparadies verwandelten Ortes.

Die Zweige der auf dem Marktplatz aufgestellten Tanne bogen sich unter der niedergefallenen Last. Niemand achtete darauf, dass der Baum die weiße Pracht kaum noch tragen konnte. Seine Äste drohten abzubrechen.
Die Tanne sehnte Hilfe herbei, doch niemand bemerkte ihr Flehen.
In Gedanken kehrte sie zu dem Ort zurück, wo sie aufgewachsen war.

Gemeinsam mit ihren Schwestern aus der Schonung am Waldrand hatte sie von einer Ehre geschwärmt, die sie nur vom Gezwitscher der Vögel kannte. Was Ehre bedeutet, wussten die Bäume nicht. Aber die Berichte darüber hörten sich so gut an, dass jeder sie haben wollte. Aus diesem Grund wünschten sich alle anwesenden Bäume, an Weihachten bunt geschmückt und mit leuchtenden Kerzen versehen, im Mittelpunkt menschlicher Feierlichkeiten zu stehen.

Als eine Kettensäge mit der Umarmung an ihrem Stamm begann, färbten sich einige Nadeln der nahe stehenden Geschwister gelb vor Neid.
Sie konnten nicht ahnen, wie einsam und hilflos sich die Tanne im Zentrum der Stadt fühlen würde.
Kein Krippenspiel wurde von ihren stolzen Ästen überragt und keine Sternsinger verzauberten um sie herum stehende Leute. Alles, was die Spatzen erzählt hatten, war erstunken und erlogen.
Den Wettereinflüssen schutzlos ausgesetzt, stand sie traurig da und erwartete ein freudloses Ende. Enttäuscht, weil sich kein Mensch ihrer Notlage erbarmte, weinte sie zäh fließendes Harz aus dem Stamm. Doch auch das blieb unbemerkt.

Der Wind wurde schwächer. Die Schneeflocken tanzten nun zur Erde und lockten immer mehr Menschen aus ihren Häusern. In kurzer Zeit war der Marktplatz belebt.

Kräftiges Rütteln befreiten die unteren Zweige der Tanne von ihrer Last.
„Nicht die starken. Meine dünneren Äste in der Mitte sind in Gefahr. Dort musst Du schütteln“.
„Ich weiß, aber dort oben komme ich nicht ran. Du bist viel zu groß für mich und ich bin doch noch ein Kind. Um den Schnee von Dir abschütteln zu können, fehlt mir die Kraft“, antwortete ein kleines Mädchen.
„Wieso kannst Du meine Hilferufe wahrnehmen?“, dachte die Tanne verwirrt. „Können alle Menschen mich hören?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Die Anderen lachen mich aus, weil ich mit Tieren und Pflanzen spreche. Na ja, richtiges Reden ist das auch gar nicht, ich versuche mit Deiner Seele Kontakt aufzunehmen, deshalb fühle ich mit Dir.“
„Ich soll eine Seele haben? Was ist das?“
„Bist Du nun traurig, oder nicht?“
„Ja schon, ich bin traurig, - sehr sogar.“
„Dann hast Du auch eine Seele. Alles, was auf der Erde lebt hat eine Seele.“
„Wenn die Seele traurig macht, dann will ich keine haben.“
„Aber um glücklich zu sein brauchst Du sie doch auch. Außerdem ist es egal, ob du eine Seele haben willst, oder nicht. Sie ist einfach da.“
„Klingt ganz schön kompliziert. Glauben alle Menschen dass ich so was habe?“
„Leider nein. – Im Augenblick handele ich mir damit mehr Ärger ein, als mir lieb ist und das finde ich gar nicht lustig.“
„Wie heißt Du?“
„Nenn mich einfach Julia.“
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“
Julia lächelte.
„Ich glaube, momentan brauchst Du mehr Hilfe als ich. Mir ist auch schon etwas eingefallen, das funktionieren könnte. Warte einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.“

Der Tanne blieb gar nichts anderes übrig, als zu warten. Sie konnte sich schließlich nicht von der Stelle bewegen. Aber die Begegnung mit Julia hatte sie so zum Grübeln gebracht, dass alle Ängste verschwunden waren.

„Da bin ich wieder und habe meinen Freund Mirko mitgebracht“.
Vor dem Baum stand das Mädchen, in dessen Armen ein Kater lag.
„Was willst Du denn mit dem Tier anfangen? Meine Zweige brechen bald weg, sie müssen unbedingt vom Schnee befreit werden. Ich dachte, Du bringst eine lange Stange mit.“
„Keine Angst, Mirko macht das viel besser und vor allem unauffällig. Glaubst Du im Ernst, die Erwachsenen würden es mir erlauben an Dir mit einer Stange herumzufuchteln? Bevor der erste Ast vom Gewicht befreit ist, haben die mich weggejagt. Aber Mirko, um den kümmert sich niemand. Der kann in aller Ruhe auf Dir herumklettern und so lange von einer Stelle zur anderen springen, bis kaum noch Schnee zu sehen ist. Vertraue mir“.

Mirko sah mit Schrecken, was Julia von ihm verlangte. Er hasste Schnee und die Vorstellung, dass Massen von dem kalten Zeug auf sein warmes Fell fallen würden, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Aber um Julia einen Gefallen zu tun, war Mirko auch dazu bereit. Außerdem hatte sie ihm ein großes Stück gebratene Leber versprochen, wenn sie mit dem Ergebnis seiner Turnerei zufrieden sein würde.

Der Schnee rieselte von fast allen Nadeln herab, nur ein kleiner weißer Schatten blieb am Baum hängen.
Genüsslich streckte die Tanne ihre gekrümmten Glieder aus und zeigte sich in voller Pracht.
„Beeindruckend siehst Du aus, richtig majestätisch. Neben so einem schönen Weihnachtsbaum fand noch nie das Krippenspiel statt“, dachte Julia anerkennend.
„Krippenspiel? Gibt es das wirklich? Ich dachte schon, die Spatzen hätten sich das nur ausgedacht, um sich über uns Bäume lustig zu machen. Weil wir uns nicht wehren können, sind die manchmal sehr frech. Machst Du auch bei dem Spiel mit?“
„Du stellst aber viele Fragen. Um mitzuspielen bin ich noch zu jung.
Jetzt muss ich mich aber beeilen, gleich kommen die Gemeindearbeiter. Sie sperren den Platz ab, um ungestört die Kulisse aufzustellen. Außerdem wartet Mirko auf seine Belohnung.“
„Und was ist mit den Sternsingern?“, fragte die Tanne noch schnell hinterher.
„Gesungen wird wenn Weihnachten vorbei ist. Wir treffen uns bei Dir, teilen uns in Gruppen ein und ziehen dann in verschiedenen Richtungen durch den ganzen Ort.“
„Wir?“
„Ich bin auch dabei. Sternsinger sammeln für Not leidende Kinder auf der ganzen Welt, da darf ich mitsingen. Jetzt muss ich aber los.“
Bevor die Tanne noch mehr Fragen stellen konnte, rief Julia ihren Mirko zu sich und ging mit ihm nach Hause.

Kaum war das Mädchen außer Sichtweite, kamen die Männer mit den notwendigen Aufbauten für das Schauspiel.
Interessiert sah die Tanne zu. Bei dem ganzen Lärm, den die Arbeiter verursachten, fiel es ihr gar nicht auf, dass es aufgehört hatte zu schneien.
Nach und nach strömten neugierig gewordene Menschen herbei. Die meisten von ihnen bewunderten den geraden Wuchs und die dichten Zweige des diesjährigen Weihnachtsbaumes.

Es wurde dunkel, bald sollte das Krippenspiel beginnen.
Am Himmel funkelten Sterne wie Juwelen. Weihnachtliche Musik erklang und lockte die Einwohner zur Mitte des Marktplatzes.
Mit glitzernden Girlanden geschmückt stand die Tanne im Mittelpunkt des Geschehens. Stolz und glücklich genoss sie ihren Ehrenplatz.

Am folgenden Tag ging Julia zum Marktplatz um zu erfahren, wie dem Baum das Krippenspiel gefallen hat.
„Es war traumhaft schön. Zwar habe ich nicht verstanden um was es da ging, doch ich fühlte, wie die Menschen von der ganzen Atmosphäre verzaubert wurden. Es fehlte nicht viel und ich hätte mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Komm näher zu mir, ich möchte Dir etwas geben“, bat die Tanne.
Als Julia die ersten Zweige berühren konnte, fielen Schuppen und geflügelte Samen aus den Tannenzapfen heraus.
„Was soll ich denn damit anfangen?“, fragte Julia erstaunt
„Wir Tannenbäume vermehren uns immer so. Hebe bitte einige Samen auf, nimm sie mit und setze möglichst viele von ihnen in die Erde am Waldrand. Nicht alle werden keimen, deshalb streuen wir auch so viele aus. Am Liebsten wäre es mir, Du könntest zur Tannenschonung gehen, wo ich gefällt wurde. So könnten meine Kinder unter ihresgleichen aufwachsen. Tust Du mir den Gefallen?“

Julia griff in ihre Manteltasche und holte eine fast leer gefutterte Tüte mit Gummibärchen hervor. Sie stopfte die restlichen Süßigkeiten in den Mund und sammelte alles auf, was in ihrer Reichweite lag.
Als nichts mehr im Schnee lag versprach sie, die Samen an der gewünschten Stelle einzupflanzen.
Die Tanne war erleichtert.
„Weißt Du, mit jedem Keimling werde ich weiterleben. Das ist nun Mal in der Natur so. Nichts geht verloren. Alles kommt wieder, nur in veränderter Form. Noch habe ich genügend Saft im Stamm, um meine Zweige aufrecht zu halten. Aber bald ist er aufgebraucht. Täglich verliere ich mehr Kraft und werde müde. Bevor alle Nadeln abfallen, habe ich nur noch den Wunsch vom Feuer in die Luft getragen zu werden.“
Als Julias das hörte, glänzten Tränen in ihren Augen.
„He, Kleine, nicht weinen. So ist das Schicksal der Bäume.
Euer Weihnachtsfest war das schönste Ereignis, dass ich mir vorstellen kann.
Mit meinen letzten Energiereserven werde ich noch einige Tage durchhalten und auf die Sternsinger warten. Aber dann muss Schluss sein.
Mein Holz trocknet aus und sehnt sich nach Hitze, die es in Rauch aufgehen lässt. Kannst Du das verstehen?“

„So lange Du noch bei uns bist wünsche ich Dir schöne Feiertage “, übertrug Julia in Gedanken.
„Dir wünsche ich auch ein gesegnetes Weihnachtsfest.“
„Wo hast Du denn den Spruch her?“
„Ach, den habe ich gestern beim Krippenspiel aufgeschnappt. Ich gebe ihn an Dir weiter, weil er mir so gut gefallen hat."

Samstag, 4. Juli 2009

Ohne Hast





Erleichtert begrüße ich die Ruhe im Schlafzimmer. Endlich kann ich meine Gedanken frei umherschweifen lassen. Mein Ehemann verlangt nicht mehr von mir, dass ich seine Ansichten teile, er hat sich in einen anderen Raum zurück gezogen. Kein lärmender Fernseher schläfert mit langweiligen Filmen ein. Ich liege alleine im Bett und lausche dem Rascheln der Blätter des dicht vorm Fenster stehenden Baumes.
Auf dieser Seite des Hauses führt keine Straße vorbei, die neugierige Menschen zu unerwünschten Beobachtungen veranlassen könnte. Meine Blicke werden weder durch heruntergelassene Rollladen aufgehalten, noch verwehren dicke Vorhänge freie Aussicht auf das wechselnde Geschehen am Firmament.
Für mich sind dies die schönsten Momente am Tage.
Von Einsamkeit umfangen, fühle ich die Energie des Lebens.
Leises Ticken der Wanduhr mischt sich mit sanftem Rauschen des Windes zu einer Melodie, deren Töne ich vereinen möchte. Meine Komposition ist nicht angefüllt mit harmonischen Klängen, dennoch nenne ich sie Sinfonie der Stille.
In Anbetracht des Widerspruchs huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Nach einer Weile gleite ich friedvoll in die Traumwelt hinein.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Eine mysteriöse Uhr





In einer Nebenstraße, hinter dem größten Kaufhaus der Stadt, hatte Bernhard Schwarzer ein kleines Uhren-Geschäft eröffnet. Hinter dem Verkaufsraum befand sich eine Werkstadt, in der er Reparaturen durchführte. Viel Kundenverkehr hatte er nicht. Die wenigsten Leute wussten, dass sich ein Uhrmacher nahe der lärmenden Hauptstraße niedergelassen hatte. Wer jedoch seinen Laden betrat, den empfing eine seltsam beruhigende Atmosphäre. Alle Hektik fiel von der Welt ab, die Vergänglichkeit des Lebens wurde durch leises Ticken hörbar.

Die meisten Menschen genossen die ruhige Ausstrahlung, wenn sie etwas zum reparieren bei Bernhard abgaben. Obwohl alle im Laden erwerbbaren Uhren höchsten Qualitätsansprüchen entsprachen, verkaufte er nur ganz selten seine, oft aus eigener Hand gefertigten Meisterwerke. Sie waren einfach zu teuer.

Eines Tages kam ein etwa zehn jähriges Mädchen in sein Geschäft, deutete auf eine der Wanduhren, die er im Schaufenster ausgestellt hatte und sagte mit tränenerstickter Stimme:
„So eine Uhr hat meine Omi auch. Genau die Gleiche.“
„Dann kann Deine Oma sehr stolz darauf sein, denn gerade diese ist etwas ganz Besonderes.“, antwortete Bernhard mit freundlichem Lächeln.
Kurz darauf begann das Kind zu schluchzen.
Ich kann sie nicht mehr sehen, denn sie liegt im Sterben und ich darf nicht zu ihr.“
„Ich nehme an, Du würdest gerne von Deiner Oma Abschied nehmen, oder?“
„Oh ja. Aber meine Eltern glauben mich vor irgendetwas schützen zu müssen. Dabei weiß ich doch ganz genau was los ist.
„Wie alt bist Du?“
„Im nächsten Monat werde ich zehn.“
„Verrätst Du mir auch Deinen Namen?“
„Ich bin die Andrea.“
„Du scheinst für Dein Alter sehr viel zu verstehen.“
„Papa und Mama sagen das auch immer. Doch jetzt behandeln sie mich wieder wie ein Kleinkind. Die Erwachsenen sind ja so gemein. Mal bin ich für mein Alter sehr erwachsen, Mal nicht. Sie ändern ihre Meinung, wie es ihnen gerade in den Kram passt und ich kann nichts dagegen tun.“
„Dir will doch niemand etwas Böses. Du sollst Deine Oma nur so in Erinnerung behalten, wie sie früher war. Der letzte Anblick eines geliebten Menschen prägt sich für immer in das Gedächtnis ein. Deshalb wollen Deine Eltern Dir ersparen, Deine Großmutter auf dem Sterbebett liegen zu sehen.“
„Aber ich hab sie doch so lieb.“
„Das weiß sie.“
„Meinst Du?“
„Da bin ich mir ganz sicher. Was hältst Du davon, wenn wir uns die Uhr etwas genauer ansehen? Manche Leute behaupten, der Hersteller hat ein Geheimnis in ihr eingebaut“
„Was für ein Geheimnis“
„Das weiß ich auch nicht so genau. Noch habe ich keins entdeckt. Vielleicht kannst Du mir helfen es zu finden?“
Beide beschäftigten sich intensiv mit dem Gehäuse der Wanduhr, als deren Glockenwerk erklang. Bernhard wunderte sich, denn er hatte alle Uhren stumm geschaltet, damit es nicht in allen Ecken bimmelte, wenn eine neue Stunde anbrach. Auch diese hätte keinen Ton von sich geben dürfen, es war erst zwanzig vor Elf.
Das Mädchen schaute auf und fiel dem Uhrmacher stürmisch um den Hals.
„Ich war bei ihr, ich hab gesehen wie sie stirbt. Aber das war gar nicht schlimm gewesen. Wie hast Du das gemacht?“
„Ich habe gar nichts gemacht, wir haben doch nur nach dem Geheimnis gesucht. Wenn Du in Gedanken bei Deiner Oma gewesen bist, dann hast Du es ganz alleine geschafft.“
„Die Uhr hat mich zu ihr gebracht hat. Als ich das Zifferblatt ansah, stand ich plötzlich vor Omis Bett im Krankenhaus und dann ist sie gestorben. Aber das war gar nicht schlimm. Im Gegenteil, sie war richtig erleichtert. Glaubst Du mir?“
„Warum sollte ich daran zweifeln?“
Bernhard dachte an das unerklärliche Läuten. Etwas Mysteriöses haftete der ganze Sache an.
„Danke, Du bist der liebste Mensch, den ich kenne“,
rief Andrea, die nun richtig fröhlich geworden war. Bevor der Uhrmacher etwas dazu sagen konnte, wurde die Ladentür heftig aufgestoßen.

„Hier steckst du also, ich habe die halbe Stadt nach dir abgesucht. Mach so was nie wieder!“
Eine elegant gekleidete Dame trat ein und ging zornig auf Andrea zu. Sie hob ihre Hand, um dem Mädchen eine Ohrfeige zu geben, hielt jedoch in der Bewegung inne und drückte stattdessen das Kind fest an ihre Brust.
„Ich hab mir so große Sorgen um dich gemacht. Heute ist ein ganz furchtbarer Tag.“
Die Wut der Dame war verraucht. Sie konnte sich der beruhigenden Atmosphäre im Laden nicht entziehen. Verwundert sah sie um.
„Was tust du hier, warum bist Du in das Geschäft reingegangen? Es gehört sich nicht, die Leute von ihrer Arbeit abzuhalten.“
Bernhard wollte gerade erklären, dass eine ausgestellte Wanduhr das Mädchen magisch angezogen hatte, als ein Klingelton vom Handy ihn unterbrach.
„Ja…, ist gut…, ich sag es ihr…, wir fahren gleich los. In einer Viertelstunde sind wir zu Hause
Mit zitternder Stimme sprach die vornehme Frau zu der Kleinen.
„Andrea, du muss jetzt ganz tapfer sein.“
„Ich weiß, die Omi ist tot. Bevor du hier reingestürzt bist, habe ich mit… - mitten im Satz drehte das Mädchen ihren Oberkörper zu dem Uhrmacher und fragte ihn: „Wie heißt du eigentlich?“
„Bernhard.“
Ihrer Mutter erneut zugewandt begann das Kind den Satz von vorne.
„Also. Bevor Du mich gefunden hast, habe ich mir mit Bernhard eine Uhr angeschaut, die genauso aussieht, wie die, die auf dem Wohnzimmerschrank von Omi steht. Ich habe ihm erzählt, dass sie im Krankenhaus ist und ich nicht zu ihr darf. Wir haben ein Geheimnis gesucht, dass in dieser Uhr stecken soll und ich hab es gefunden.“
„Von welchem Geheimnis redest Du?“
„Diese Uhr ist verzaubert. Wenn jemand vor ihr steht und ganz feste an einen Menschen denkt, den er ganz toll lieb hat dann steht er plötzlich vor ihm. Ich dachte an Omi. Auf einmal sah ich sie im Krankenhausbett liegt. Kurz danach ist sie gestorben und ich war dabei“, sagte Andrea mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldete.

Verlegen richtete sich die Frau gerade auf. Beschämt und leicht verwirrt, sah die Dame den fremden Mann an. In ihren Augen glänzten angesammelte Tränen.
„Es war sehr freundlich von Ihnen, dass Sie ihre Zeit den Fantasien meiner Tochter geopfert haben. Vielen Dank. Ist Andrea Ihnen sehr auf die Nerven gegangen?
Bernhard berichtete, dass das Glockenwerk dieser Uhr ertönte, obwohl es abgestellt gewesen war.
„Eine magische Atmosphäre, die ich weder beschreiben, noch erklären kann breitete sich im ganzen Laden aus. Ich bekam Gänsehaut, deshalb glaube ich Ihrer Tochter jedes Wort.“
„Mein Mann sagte gerade am Telefon, dass seine Mutter zuletzt an ihr Enkelkind gedacht habe.“, fügte die Frau, als könne sie damit eine Erklärung abgeben.
„Andrea meine Liebe, schön, dass du da bist“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Er dachte seine Mutter würde im Delirium sprechen, aber nun, nachdem Sie mir von dieser unglaublichen Sache erzählt haben könnte es doch auch sein, dass…
Andreas Mutter sprach diesen Satz nicht zu Ende. In Gedanken versunken lauschte sie dem Ticken der Uhren. Mit energischem Kopfschütteln brachte sie sich zur Besinnung.
„Komm Liebes, wir werden zu Hause erwartet.“
Bei dem Uhrmacher entschuldigte sie sich für die Umstände, die ihm entstanden waren. Sie bedankte sich höflich und versprach, in nächster Zeit noch mal vorbei zu schauen.

Als beide das Geschäft verließen, warf Bernhard seiner neuen Vertrauten einen aufmunternden Blick zu.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Ein guter Morgen




Als Katia erwachte mit dem guten Gefühl, dass es ein schöner Tag werden wird.
Sie blickte aus dem Fenster und sah wie der Himmel in seinen sanften Pastelltönen leuchtete. Kräftiges Rosa am Horizont, ging sachte in helles Blau über. Sie erfreute sich am Anblick der Farben. Hellwach geworden wartete sie darauf, dass Andreas zu ihr kommen würde, um sie aus dem Bett zu heben.
Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie an das kommende Frühstück dachte. Andras gab sich immer sehr viel Mühe, das erste gemeinsame Essen am Tag möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Täglich stellte er etwas anderes auf den Tisch. Mal bot er frische Brötchen mit Konfitüre an, Mal Croissants mit Nussfüllung, oder Brioche, ein französischer, süß-lockerer Hefeteigkuchen. Auch Cornflakes und Müsli bot er ihr an. Katia musste nur ein Wort sagen, dann konnte sicher sein, dass Andreas das Gewünschte am nächsten Tag auf den Tisch stellen würde.

Während des Frühstücks war es beiden zu einem lieb gewonnenen Ritual geworden, sich ausgiebig zu unterhalten.
Zeit dazu hatten sie reichlich. Andreas ging nicht arbeiten, damit er immer da war, wenn seine Frau Hilfe benötigte. Dafür erhielt er vom Staat eine finanzielle Vergütung die ihm, zusammen mit Katias Invalidenrente, ein relativ sorgenfreies Leben ermöglichte.

Katia musste nicht lange warten, bis ihr Mann schlaftrunken ins Zimmer kam. Routiniert setzte er seine Frau in den Rollstuhl und schob sie an den Esstisch.
Erst in zwei Stunden erwarteten sie Pflegekräfte, die Katia waschen und anziehen würden. So lange saß sie halt im Schlafanzug neben Andreas. Dies gab ihnen eine ganz besondere, intime Atmosphäre.

Der Kaffee duftete köstlich und das Honigbrot, fein mit Butter bestrichen, schmeckte lecker. Dennoch sah Katia ihrem Mann an, dass irgend etwas nicht stimmte.

„Was ist los mit Dir, hast Du schlecht geschlafen?“
„Ach, ich hatte einen miserablen Traum gehabt, an den ich immer noch denken muss.
Stell Dir Mal vor, ich war gerade dabei einen Motor auszubauen. Alles ging wie am Schnürchen, bis auf die letzte Schraube. Meinst Du das verdammte Ding hätte sich bewegen lassen? Ich wollte sie schon mit der Flex abschneiden und danach ausbohren, doch sie war stärker. Zwei, mit Diamanten besetzte Trennscheiben gingen drauf. Die sind verdammt teuer. Ich wollte gerade die Mistkarre in die Luft sprengen, da wachte ich auf.
Du glaubst gar nicht wie froh ich war, dass ich alles nur geträumt habe“.

Katia legte sanft ihre Hand auf Andreas Arm und versuchte ihn auf andere, positive Gedanken zu bringen.

„Hast Du schon bemerkt, was für herrliches Wetter wir haben? Es ist Mitte November, die Sonne lacht vom Himmel, bringt uns noch etwas Wärme mit und ein leichter Wind bläst Blätter von den Bäumen.
Als würden gelbgoldene kleine Drachen durch die Luft segeln, bietet die Natur uns ein beeindruckendes Schauspiel.
Geh doch ein bisschen spazieren, um auf andere Gedanken zu kommen und sehe Dir die Schönheiten an, die uns umgeben“.