Sonntag, 12. Dezember 2010

Erster Schnee



Schneeflocken schwebten durch die Luft und sanken herab. Der Boden war für die zarten Gebilde noch zu warm. Kaum erreichten sie die Erde, schmolzen sie.
Erwartungsvoll begrüßten Kinder die Vorboten des Winters. Sie holten ihre Schlitten aus dem Keller und wachsten die Kufen so lange ein, bis sie glänzten. Bald konnten die ersten Rutschpartien losgehen. – Wenn das kein Grund zu Freude war.

„Opa, Opa, sieh doch nur wie es schneit!“, rief Sarah und lief aufgeregt zum Haus ihres Großvaters.
Sie mochte ihn sehr gern. Er hatte immer Zeit und beantwortete die kniffligsten Fragen, ohne jemals die Geduld zu verlieren.

Warum fallen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunter, warum ist der Himmel hellblau, wenn die Sonne scheint und warum sieht man am Tag keine Sterne. Das alles konnte sie fragen, ohne jemals gesagt zu bekommen:
„Kind, das verstehst du noch nicht.“

Sie verstand mehr, als ihre Eltern dem Mädchen zutrauten. Es kam nur darauf an, wie die Fragen beantwortet wurden.
Opa konnte wunderbar erklären. Dass Sarah erst fünf Jahre alt war störte ihn nicht. Manchmal nahm er ein Buch aus seinem Schrank heraus und dann sahen sie sich interessante Bilder an. Mit Opa konnte Sarah über all das reden, worüber sie nachdachte.

Großvater besaß ein Mikroskop. Er hatte lange dafür sparen müssen, bis er sich dieses Ding leisten konnte. Es war sein ganzer Stolz. Niemand durfte es anfassen, auch seine kleine Enkelin nicht. Wenn Opa alleine war, dann beschäftigte er sich stundenlang damit. Sarah fand es langweilig, immerzu durch die Linse zu sehen. Dazu hätte sie keine Geduld gehabt. Ihre Welt war viel zu aufregend.

Als Sarah das Zimmer betrat, in dem ihr Opa sich aufhielt, wunderte sie sich darüber wie kalt es war.
„Mach doch das Fenster zu und die Heizung an, oder willst du Eiszapfen im Zimmer haben?“
Ihrem Großvater traute sie alles zu. Er war in ihren Augen ein ganz besonderer Mensch.
„Du kommst der Sache schon ziemlich nahe. Ich habe dich erwartet, weil es begonnen hat zu schneien. Komm her zu mir, ich möchte dir was zeigen, dass dir gefallen wird.“
„Muss es denn dabei so kalt sein?“
„Leider ja, denn Eissterne, die ich gleich unter mein Mikroskop lege sind so hauchdünn, dass sie sich sofort auflösen, wenn die Temperatur ansteigt.“
„Wo hast du die Sterne her?“
Interessiert schaute Sarah ihren Opa an. Ihr Blick fiel auf das Mikroskop, das auf dem Tisch stand.
„Streck deine Hand aus dem Fenster und sage mir, was du beobachten kannst.“
Sarah tat, was Opa von ihr verlangte.
„Es schneit und wenn die Flocken auf meine Hand fallen, dann werden sie zu Wasser.“
„Siehst du. Jetzt weißt du auch warum ich die Heizung abgedreht habe. Wasser möchte ich dir nicht zeigen.“
„Da draußen ist doch nur Schnee, du hast aber von Sternen gesprochen.“
„Einen Augenblick noch, du wirst sie gleich sehen. Ganz viele Sterne sogar und jeder sieht etwas anders aus.“
Dann nahm der Großvater eine Glasplatte aus dem Eisfach, hielt sie ganz kurz aus dem Fenster, damit nur wenige Schneeflocken darauf fielen und schob die Platte unters Mikroskop.
„Ja, genauso wollte ich sie haben. Wundervoll“, murmelte er zufrieden, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.
„Komm Sarah, sieh dir das an.“ Er rückte den Stuhl für seine Enkeltochter zurecht.
Etwas skeptisch kam Sarah näher, doch kurz darauf war sie begeistert.
„Das ist ja phantastisch! Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Danke Opa.“
„Nichts zu danken mein Kind – aber, hast du etwas dagegen, wenn ich jetzt die Heizung wieder aufdrehe? Es ist fürchterlich kalt geworden.“
„Darf ich mir noch ein paar Sterne ansehen?“
„Na klar, solange du willst. Bis es im Zimmer wieder richtig warm geworden ist vergeht noch eine Weile und da die Glasplatten vorher im Eisfach lagen, schmilzt der Schnee nicht so schnell.
„Fallen immer Eissterne vom Himmel wenn es schneit?“
„Liebes Kind, Schnee besteht doch aus Kristallen die wie Sterne aussehen. Immer haben sie sechs Ecken, Strahlen oder runde Enden. Jedes sieht ein kleines bisschen anders aus. Alle sind einzigartig und wunderschön. Willst du nicht ein Bild von dem malen, was du heute gesehen hast?“

„Oh ja, aber dafür muss ich erst nach Hause.“
„Geh nur Kleines, aber pass auf, dass du nicht hinfällst. Die Wege sind glatt geworden. Morgen kannst du mir dein Bild zeigen. Vergiss bitte nicht immer sechs gleiche Enden zu malen. Dann erkennt jeder, dass du eine Schneeflocke gezeichnet hast.“

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