Samstag, 4. Juli 2009

Ohne Hast





Erleichtert begrüße ich die Ruhe im Schlafzimmer. Endlich kann ich meine Gedanken frei umherschweifen lassen. Mein Ehemann verlangt nicht mehr von mir, dass ich seine Ansichten teile, er hat sich in einen anderen Raum zurück gezogen. Kein lärmender Fernseher schläfert mit langweiligen Filmen ein. Ich liege alleine im Bett und lausche dem Rascheln der Blätter des dicht vorm Fenster stehenden Baumes.
Auf dieser Seite des Hauses führt keine Straße vorbei, die neugierige Menschen zu unerwünschten Beobachtungen veranlassen könnte. Meine Blicke werden weder durch heruntergelassene Rollladen aufgehalten, noch verwehren dicke Vorhänge freie Aussicht auf das wechselnde Geschehen am Firmament.
Für mich sind dies die schönsten Momente am Tage.
Von Einsamkeit umfangen, fühle ich die Energie des Lebens.
Leises Ticken der Wanduhr mischt sich mit sanftem Rauschen des Windes zu einer Melodie, deren Töne ich vereinen möchte. Meine Komposition ist nicht angefüllt mit harmonischen Klängen, dennoch nenne ich sie Sinfonie der Stille.
In Anbetracht des Widerspruchs huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Nach einer Weile gleite ich friedvoll in die Traumwelt hinein.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Eine mysteriöse Uhr





In einer Nebenstraße, hinter dem größten Kaufhaus der Stadt, hatte Bernhard Schwarzer ein kleines Uhren-Geschäft eröffnet. Hinter dem Verkaufsraum befand sich eine Werkstadt, in der er Reparaturen durchführte. Viel Kundenverkehr hatte er nicht. Die wenigsten Leute wussten, dass sich ein Uhrmacher nahe der lärmenden Hauptstraße niedergelassen hatte. Wer jedoch seinen Laden betrat, den empfing eine seltsam beruhigende Atmosphäre. Alle Hektik fiel von der Welt ab, die Vergänglichkeit des Lebens wurde durch leises Ticken hörbar.

Die meisten Menschen genossen die ruhige Ausstrahlung, wenn sie etwas zum reparieren bei Bernhard abgaben. Obwohl alle im Laden erwerbbaren Uhren höchsten Qualitätsansprüchen entsprachen, verkaufte er nur ganz selten seine, oft aus eigener Hand gefertigten Meisterwerke. Sie waren einfach zu teuer.

Eines Tages kam ein etwa zehn jähriges Mädchen in sein Geschäft, deutete auf eine der Wanduhren, die er im Schaufenster ausgestellt hatte und sagte mit tränenerstickter Stimme:
„So eine Uhr hat meine Omi auch. Genau die Gleiche.“
„Dann kann Deine Oma sehr stolz darauf sein, denn gerade diese ist etwas ganz Besonderes.“, antwortete Bernhard mit freundlichem Lächeln.
Kurz darauf begann das Kind zu schluchzen.
Ich kann sie nicht mehr sehen, denn sie liegt im Sterben und ich darf nicht zu ihr.“
„Ich nehme an, Du würdest gerne von Deiner Oma Abschied nehmen, oder?“
„Oh ja. Aber meine Eltern glauben mich vor irgendetwas schützen zu müssen. Dabei weiß ich doch ganz genau was los ist.
„Wie alt bist Du?“
„Im nächsten Monat werde ich zehn.“
„Verrätst Du mir auch Deinen Namen?“
„Ich bin die Andrea.“
„Du scheinst für Dein Alter sehr viel zu verstehen.“
„Papa und Mama sagen das auch immer. Doch jetzt behandeln sie mich wieder wie ein Kleinkind. Die Erwachsenen sind ja so gemein. Mal bin ich für mein Alter sehr erwachsen, Mal nicht. Sie ändern ihre Meinung, wie es ihnen gerade in den Kram passt und ich kann nichts dagegen tun.“
„Dir will doch niemand etwas Böses. Du sollst Deine Oma nur so in Erinnerung behalten, wie sie früher war. Der letzte Anblick eines geliebten Menschen prägt sich für immer in das Gedächtnis ein. Deshalb wollen Deine Eltern Dir ersparen, Deine Großmutter auf dem Sterbebett liegen zu sehen.“
„Aber ich hab sie doch so lieb.“
„Das weiß sie.“
„Meinst Du?“
„Da bin ich mir ganz sicher. Was hältst Du davon, wenn wir uns die Uhr etwas genauer ansehen? Manche Leute behaupten, der Hersteller hat ein Geheimnis in ihr eingebaut“
„Was für ein Geheimnis“
„Das weiß ich auch nicht so genau. Noch habe ich keins entdeckt. Vielleicht kannst Du mir helfen es zu finden?“
Beide beschäftigten sich intensiv mit dem Gehäuse der Wanduhr, als deren Glockenwerk erklang. Bernhard wunderte sich, denn er hatte alle Uhren stumm geschaltet, damit es nicht in allen Ecken bimmelte, wenn eine neue Stunde anbrach. Auch diese hätte keinen Ton von sich geben dürfen, es war erst zwanzig vor Elf.
Das Mädchen schaute auf und fiel dem Uhrmacher stürmisch um den Hals.
„Ich war bei ihr, ich hab gesehen wie sie stirbt. Aber das war gar nicht schlimm gewesen. Wie hast Du das gemacht?“
„Ich habe gar nichts gemacht, wir haben doch nur nach dem Geheimnis gesucht. Wenn Du in Gedanken bei Deiner Oma gewesen bist, dann hast Du es ganz alleine geschafft.“
„Die Uhr hat mich zu ihr gebracht hat. Als ich das Zifferblatt ansah, stand ich plötzlich vor Omis Bett im Krankenhaus und dann ist sie gestorben. Aber das war gar nicht schlimm. Im Gegenteil, sie war richtig erleichtert. Glaubst Du mir?“
„Warum sollte ich daran zweifeln?“
Bernhard dachte an das unerklärliche Läuten. Etwas Mysteriöses haftete der ganze Sache an.
„Danke, Du bist der liebste Mensch, den ich kenne“,
rief Andrea, die nun richtig fröhlich geworden war. Bevor der Uhrmacher etwas dazu sagen konnte, wurde die Ladentür heftig aufgestoßen.

„Hier steckst du also, ich habe die halbe Stadt nach dir abgesucht. Mach so was nie wieder!“
Eine elegant gekleidete Dame trat ein und ging zornig auf Andrea zu. Sie hob ihre Hand, um dem Mädchen eine Ohrfeige zu geben, hielt jedoch in der Bewegung inne und drückte stattdessen das Kind fest an ihre Brust.
„Ich hab mir so große Sorgen um dich gemacht. Heute ist ein ganz furchtbarer Tag.“
Die Wut der Dame war verraucht. Sie konnte sich der beruhigenden Atmosphäre im Laden nicht entziehen. Verwundert sah sie um.
„Was tust du hier, warum bist Du in das Geschäft reingegangen? Es gehört sich nicht, die Leute von ihrer Arbeit abzuhalten.“
Bernhard wollte gerade erklären, dass eine ausgestellte Wanduhr das Mädchen magisch angezogen hatte, als ein Klingelton vom Handy ihn unterbrach.
„Ja…, ist gut…, ich sag es ihr…, wir fahren gleich los. In einer Viertelstunde sind wir zu Hause
Mit zitternder Stimme sprach die vornehme Frau zu der Kleinen.
„Andrea, du muss jetzt ganz tapfer sein.“
„Ich weiß, die Omi ist tot. Bevor du hier reingestürzt bist, habe ich mit… - mitten im Satz drehte das Mädchen ihren Oberkörper zu dem Uhrmacher und fragte ihn: „Wie heißt du eigentlich?“
„Bernhard.“
Ihrer Mutter erneut zugewandt begann das Kind den Satz von vorne.
„Also. Bevor Du mich gefunden hast, habe ich mir mit Bernhard eine Uhr angeschaut, die genauso aussieht, wie die, die auf dem Wohnzimmerschrank von Omi steht. Ich habe ihm erzählt, dass sie im Krankenhaus ist und ich nicht zu ihr darf. Wir haben ein Geheimnis gesucht, dass in dieser Uhr stecken soll und ich hab es gefunden.“
„Von welchem Geheimnis redest Du?“
„Diese Uhr ist verzaubert. Wenn jemand vor ihr steht und ganz feste an einen Menschen denkt, den er ganz toll lieb hat dann steht er plötzlich vor ihm. Ich dachte an Omi. Auf einmal sah ich sie im Krankenhausbett liegt. Kurz danach ist sie gestorben und ich war dabei“, sagte Andrea mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldete.

Verlegen richtete sich die Frau gerade auf. Beschämt und leicht verwirrt, sah die Dame den fremden Mann an. In ihren Augen glänzten angesammelte Tränen.
„Es war sehr freundlich von Ihnen, dass Sie ihre Zeit den Fantasien meiner Tochter geopfert haben. Vielen Dank. Ist Andrea Ihnen sehr auf die Nerven gegangen?
Bernhard berichtete, dass das Glockenwerk dieser Uhr ertönte, obwohl es abgestellt gewesen war.
„Eine magische Atmosphäre, die ich weder beschreiben, noch erklären kann breitete sich im ganzen Laden aus. Ich bekam Gänsehaut, deshalb glaube ich Ihrer Tochter jedes Wort.“
„Mein Mann sagte gerade am Telefon, dass seine Mutter zuletzt an ihr Enkelkind gedacht habe.“, fügte die Frau, als könne sie damit eine Erklärung abgeben.
„Andrea meine Liebe, schön, dass du da bist“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Er dachte seine Mutter würde im Delirium sprechen, aber nun, nachdem Sie mir von dieser unglaublichen Sache erzählt haben könnte es doch auch sein, dass…
Andreas Mutter sprach diesen Satz nicht zu Ende. In Gedanken versunken lauschte sie dem Ticken der Uhren. Mit energischem Kopfschütteln brachte sie sich zur Besinnung.
„Komm Liebes, wir werden zu Hause erwartet.“
Bei dem Uhrmacher entschuldigte sie sich für die Umstände, die ihm entstanden waren. Sie bedankte sich höflich und versprach, in nächster Zeit noch mal vorbei zu schauen.

Als beide das Geschäft verließen, warf Bernhard seiner neuen Vertrauten einen aufmunternden Blick zu.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Ein guter Morgen




Als Katia erwachte mit dem guten Gefühl, dass es ein schöner Tag werden wird.
Sie blickte aus dem Fenster und sah wie der Himmel in seinen sanften Pastelltönen leuchtete. Kräftiges Rosa am Horizont, ging sachte in helles Blau über. Sie erfreute sich am Anblick der Farben. Hellwach geworden wartete sie darauf, dass Andreas zu ihr kommen würde, um sie aus dem Bett zu heben.
Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie an das kommende Frühstück dachte. Andras gab sich immer sehr viel Mühe, das erste gemeinsame Essen am Tag möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Täglich stellte er etwas anderes auf den Tisch. Mal bot er frische Brötchen mit Konfitüre an, Mal Croissants mit Nussfüllung, oder Brioche, ein französischer, süß-lockerer Hefeteigkuchen. Auch Cornflakes und Müsli bot er ihr an. Katia musste nur ein Wort sagen, dann konnte sicher sein, dass Andreas das Gewünschte am nächsten Tag auf den Tisch stellen würde.

Während des Frühstücks war es beiden zu einem lieb gewonnenen Ritual geworden, sich ausgiebig zu unterhalten.
Zeit dazu hatten sie reichlich. Andreas ging nicht arbeiten, damit er immer da war, wenn seine Frau Hilfe benötigte. Dafür erhielt er vom Staat eine finanzielle Vergütung die ihm, zusammen mit Katias Invalidenrente, ein relativ sorgenfreies Leben ermöglichte.

Katia musste nicht lange warten, bis ihr Mann schlaftrunken ins Zimmer kam. Routiniert setzte er seine Frau in den Rollstuhl und schob sie an den Esstisch.
Erst in zwei Stunden erwarteten sie Pflegekräfte, die Katia waschen und anziehen würden. So lange saß sie halt im Schlafanzug neben Andreas. Dies gab ihnen eine ganz besondere, intime Atmosphäre.

Der Kaffee duftete köstlich und das Honigbrot, fein mit Butter bestrichen, schmeckte lecker. Dennoch sah Katia ihrem Mann an, dass irgend etwas nicht stimmte.

„Was ist los mit Dir, hast Du schlecht geschlafen?“
„Ach, ich hatte einen miserablen Traum gehabt, an den ich immer noch denken muss.
Stell Dir Mal vor, ich war gerade dabei einen Motor auszubauen. Alles ging wie am Schnürchen, bis auf die letzte Schraube. Meinst Du das verdammte Ding hätte sich bewegen lassen? Ich wollte sie schon mit der Flex abschneiden und danach ausbohren, doch sie war stärker. Zwei, mit Diamanten besetzte Trennscheiben gingen drauf. Die sind verdammt teuer. Ich wollte gerade die Mistkarre in die Luft sprengen, da wachte ich auf.
Du glaubst gar nicht wie froh ich war, dass ich alles nur geträumt habe“.

Katia legte sanft ihre Hand auf Andreas Arm und versuchte ihn auf andere, positive Gedanken zu bringen.

„Hast Du schon bemerkt, was für herrliches Wetter wir haben? Es ist Mitte November, die Sonne lacht vom Himmel, bringt uns noch etwas Wärme mit und ein leichter Wind bläst Blätter von den Bäumen.
Als würden gelbgoldene kleine Drachen durch die Luft segeln, bietet die Natur uns ein beeindruckendes Schauspiel.
Geh doch ein bisschen spazieren, um auf andere Gedanken zu kommen und sehe Dir die Schönheiten an, die uns umgeben“.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Alles auf Anfang

Noch einmal von vorne beginnen können, wer möchte das nicht?
Egal, ob in der Ausbildung, im Beruf, oder in der Liebe. Gemachte Fehler ließen sich vermeiden, ein Traum würde wahr werden.
Wirklich?
Oft erweist es sich erst im Nachhinein ob und wenn ja, welcher Fehler begangen wurde. Zum Zeitpunkt des Geschehens war man davon überzeugt richtig zu handeln. Das kennt jeder aus eigener Erfahrung, hinterher weiß man es besser.

Alles auf Anfang, ich meine tatsächlich alles, ohne Ausnahme, würde aber auch bedeuten, dass erlerntes Wissen, erworbene Fähigkeiten und Erfahrungen plötzlich nicht mehr vorhanden wären.

Ehrlich gesagt, ich möchte nicht mehr in Windeln kacken.

Stille Nacht, einsame Nacht





Das erste Mal seit achtundzwanzig Jahren verbringen Katia und Alexander Heilig Abend alleine.
Ihr ältester Sohn ist im Süden Frankreichs verschollen. Katia hatte so sehr gehofft, das er wenigstens zu Weihnachten anrufen würde. Sie hat weder eine Telefonnummer von ihm, noch Handyverbindung und schon gar keine Adresse, wo er wohnt. Nichts, absolut gar nichts. Warum? Was haben wir Eltern ihm getan? Es gab keinen Streit, an dem man eine Begründung hervorholen könnte. Noch nicht Mal das.
Loslassen, ja, die jungen Leute wollen losgelassen werden. Ihr eigenes Leben leben. Daran hindert sie doch niemand. Aber ist es denn zuviel verlangt einen kleinen Anruf zu machen? Wenigstens zu dieser Zeit, wo die Familie zusammengehören und sich an einem gemeinsamen Festtagsessen erfreuen sollte.

Anders sieht es mit Katias Jüngstem aus.
Er und sein Vater streiten sich nur noch. „Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“ Alexander erntet blanken Hass. Das geht soweit, dass die Fäuste fliegen.
Dabei sind sie sich so ähnlich. Einer ist so aggressiv, wie der andere. Beide wollen nicht zuhören und gefallene böse Worte einander verzeihen, kommt schon gar nicht in Frage.
Katia sitzt als Mutter und Ehefrau zwischen zwei Stühlen. Sie fühlt, dass sie als Mutter versagt, weil ihr Sohn Hilfe braucht. Aber mit ihrer körperlichen Behinderung muss ihr eine verlässliche Person immer zur Seite stehen.
Auf Alexander kann sie sich verlassen, auf ihren Jüngsten nicht.
Außerdem sieht Katia es als Unrecht an, das Leben von einem der Kinder mit ihrer Krankheit zu belasten. Das würde sie niemals tun, auch wenn ihr Sohn momentan ein festes Dach über den Kopf hätte.
Der junge Mann hat eine solide Berufsausbildung. Wenn er sich durch ungerechtfertigtes Verhalten seine Karriere versaut, dann muss er auch die Konsequenzen tragen. Selbstverständlich sind immer die Anderen Schuld an seinen Niederlagen. – Ganz wie der Papa.

Bleibt noch der mittlere Sohn, das einstige Sorgenkind der Familie.
Als Kleinkind konnte er nur sechzig Prozent hören. Bei ihm befürchtete Katia, dass er ein autistisches Verhalten entwickelt. Um die Grundschule zu meistern musste auf ein spezielles Internat gehen. Wurde er früher von seinem Vater als Idiot gedemütigt, so nutzt er heute Alexanders Fähigkeiten, um mit ihm gemeinsam aus einer alten Bruchbude, die er für wenig Geld kaufen möchte, ein imposantes Haus zu machen. Mit seiner Mutter redet er kaum noch, es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr. Wenigstens macht sich Katia keine Sorgen mehr um ihn.

Freudiges Lachen hört Katia nur noch im Fernsehen, nicht mehr zu Hause.
Stille Nacht, traurige Nacht.