Noch einmal von vorne beginnen können, wer möchte das nicht?
Egal, ob in der Ausbildung, im Beruf, oder in der Liebe. Gemachte Fehler ließen sich vermeiden, ein Traum würde wahr werden.
Wirklich?
Oft erweist es sich erst im Nachhinein ob und wenn ja, welcher Fehler begangen wurde. Zum Zeitpunkt des Geschehens war man davon überzeugt richtig zu handeln. Das kennt jeder aus eigener Erfahrung, hinterher weiß man es besser.
Alles auf Anfang, ich meine tatsächlich alles, ohne Ausnahme, würde aber auch bedeuten, dass erlerntes Wissen, erworbene Fähigkeiten und Erfahrungen plötzlich nicht mehr vorhanden wären.
Ehrlich gesagt, ich möchte nicht mehr in Windeln kacken.
Donnerstag, 15. Januar 2009
Stille Nacht, einsame Nacht

Das erste Mal seit achtundzwanzig Jahren verbringen Katia und Alexander Heilig Abend alleine.
Ihr ältester Sohn ist im Süden Frankreichs verschollen. Katia hatte so sehr gehofft, das er wenigstens zu Weihnachten anrufen würde. Sie hat weder eine Telefonnummer von ihm, noch Handyverbindung und schon gar keine Adresse, wo er wohnt. Nichts, absolut gar nichts. Warum? Was haben wir Eltern ihm getan? Es gab keinen Streit, an dem man eine Begründung hervorholen könnte. Noch nicht Mal das.
Loslassen, ja, die jungen Leute wollen losgelassen werden. Ihr eigenes Leben leben. Daran hindert sie doch niemand. Aber ist es denn zuviel verlangt einen kleinen Anruf zu machen? Wenigstens zu dieser Zeit, wo die Familie zusammengehören und sich an einem gemeinsamen Festtagsessen erfreuen sollte.
Anders sieht es mit Katias Jüngstem aus.
Er und sein Vater streiten sich nur noch. „Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“ Alexander erntet blanken Hass. Das geht soweit, dass die Fäuste fliegen.
Dabei sind sie sich so ähnlich. Einer ist so aggressiv, wie der andere. Beide wollen nicht zuhören und gefallene böse Worte einander verzeihen, kommt schon gar nicht in Frage.
Katia sitzt als Mutter und Ehefrau zwischen zwei Stühlen. Sie fühlt, dass sie als Mutter versagt, weil ihr Sohn Hilfe braucht. Aber mit ihrer körperlichen Behinderung muss ihr eine verlässliche Person immer zur Seite stehen.
Auf Alexander kann sie sich verlassen, auf ihren Jüngsten nicht.
Außerdem sieht Katia es als Unrecht an, das Leben von einem der Kinder mit ihrer Krankheit zu belasten. Das würde sie niemals tun, auch wenn ihr Sohn momentan ein festes Dach über den Kopf hätte.
Der junge Mann hat eine solide Berufsausbildung. Wenn er sich durch ungerechtfertigtes Verhalten seine Karriere versaut, dann muss er auch die Konsequenzen tragen. Selbstverständlich sind immer die Anderen Schuld an seinen Niederlagen. – Ganz wie der Papa.
Bleibt noch der mittlere Sohn, das einstige Sorgenkind der Familie.
Als Kleinkind konnte er nur sechzig Prozent hören. Bei ihm befürchtete Katia, dass er ein autistisches Verhalten entwickelt. Um die Grundschule zu meistern musste auf ein spezielles Internat gehen. Wurde er früher von seinem Vater als Idiot gedemütigt, so nutzt er heute Alexanders Fähigkeiten, um mit ihm gemeinsam aus einer alten Bruchbude, die er für wenig Geld kaufen möchte, ein imposantes Haus zu machen. Mit seiner Mutter redet er kaum noch, es gibt keine Gemeinsamkeiten mehr. Wenigstens macht sich Katia keine Sorgen mehr um ihn.
Freudiges Lachen hört Katia nur noch im Fernsehen, nicht mehr zu Hause.
Stille Nacht, traurige Nacht.
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