Sonntag, 12. Dezember 2010

Tannenbaum in Not




Schneegestöber bedeckte die Kleinstadt mit einem dicken Mantel aus eisigen Kristallen. Räumdienste waren rund um die Uhr im Einsatz. Kaum hatten Bewohner den Gehweg vor ihren Häusern freigeschaufelt, hinterließen tiefe Fußabdrücke von Passanten erneut eine Spur. Nur wer Zeit hatte, inne zu halten und sich umzusehen, entdeckte die Schönheit, des in ein Winterparadies verwandelten Ortes.

Die Zweige der auf dem Marktplatz aufgestellten Tanne bogen sich unter der niedergefallenen Last. Niemand achtete darauf, dass der Baum die weiße Pracht kaum noch tragen konnte. Seine Äste drohten abzubrechen.
Die Tanne sehnte Hilfe herbei, doch niemand bemerkte ihr Flehen.
In Gedanken kehrte sie zu dem Ort zurück, wo sie aufgewachsen war.

Gemeinsam mit ihren Schwestern aus der Schonung am Waldrand hatte sie von einer Ehre geschwärmt, die sie nur vom Gezwitscher der Vögel kannte. Was Ehre bedeutet, wussten die Bäume nicht. Aber die Berichte darüber hörten sich so gut an, dass jeder sie haben wollte. Aus diesem Grund wünschten sich alle anwesenden Bäume, an Weihachten bunt geschmückt und mit leuchtenden Kerzen versehen, im Mittelpunkt menschlicher Feierlichkeiten zu stehen.

Als eine Kettensäge mit der Umarmung an ihrem Stamm begann, färbten sich einige Nadeln der nahe stehenden Geschwister gelb vor Neid.
Sie konnten nicht ahnen, wie einsam und hilflos sich die Tanne im Zentrum der Stadt fühlen würde.
Kein Krippenspiel wurde von ihren stolzen Ästen überragt und keine Sternsinger verzauberten um sie herum stehende Leute. Alles, was die Spatzen erzählt hatten, war erstunken und erlogen.
Den Wettereinflüssen schutzlos ausgesetzt, stand sie traurig da und erwartete ein freudloses Ende. Enttäuscht, weil sich kein Mensch ihrer Notlage erbarmte, weinte sie zäh fließendes Harz aus dem Stamm. Doch auch das blieb unbemerkt.

Der Wind wurde schwächer. Die Schneeflocken tanzten nun zur Erde und lockten immer mehr Menschen aus ihren Häusern. In kurzer Zeit war der Marktplatz belebt.

Kräftiges Rütteln befreiten die unteren Zweige der Tanne von ihrer Last.
„Nicht die starken. Meine dünneren Äste in der Mitte sind in Gefahr. Dort musst Du schütteln“.
„Ich weiß, aber dort oben komme ich nicht ran. Du bist viel zu groß für mich und ich bin doch noch ein Kind. Um den Schnee von Dir abschütteln zu können, fehlt mir die Kraft“, antwortete ein kleines Mädchen.
„Wieso kannst Du meine Hilferufe wahrnehmen?“, dachte die Tanne verwirrt. „Können alle Menschen mich hören?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Die Anderen lachen mich aus, weil ich mit Tieren und Pflanzen spreche. Na ja, richtiges Reden ist das auch gar nicht, ich versuche mit Deiner Seele Kontakt aufzunehmen, deshalb fühle ich mit Dir.“
„Ich soll eine Seele haben? Was ist das?“
„Bist Du nun traurig, oder nicht?“
„Ja schon, ich bin traurig, - sehr sogar.“
„Dann hast Du auch eine Seele. Alles, was auf der Erde lebt hat eine Seele.“
„Wenn die Seele traurig macht, dann will ich keine haben.“
„Aber um glücklich zu sein brauchst Du sie doch auch. Außerdem ist es egal, ob du eine Seele haben willst, oder nicht. Sie ist einfach da.“
„Klingt ganz schön kompliziert. Glauben alle Menschen dass ich so was habe?“
„Leider nein. – Im Augenblick handele ich mir damit mehr Ärger ein, als mir lieb ist und das finde ich gar nicht lustig.“
„Wie heißt Du?“
„Nenn mich einfach Julia.“
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“
Julia lächelte.
„Ich glaube, momentan brauchst Du mehr Hilfe als ich. Mir ist auch schon etwas eingefallen, das funktionieren könnte. Warte einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.“

Der Tanne blieb gar nichts anderes übrig, als zu warten. Sie konnte sich schließlich nicht von der Stelle bewegen. Aber die Begegnung mit Julia hatte sie so zum Grübeln gebracht, dass alle Ängste verschwunden waren.

„Da bin ich wieder und habe meinen Freund Mirko mitgebracht“.
Vor dem Baum stand das Mädchen, in dessen Armen ein Kater lag.
„Was willst Du denn mit dem Tier anfangen? Meine Zweige brechen bald weg, sie müssen unbedingt vom Schnee befreit werden. Ich dachte, Du bringst eine lange Stange mit.“
„Keine Angst, Mirko macht das viel besser und vor allem unauffällig. Glaubst Du im Ernst, die Erwachsenen würden es mir erlauben an Dir mit einer Stange herumzufuchteln? Bevor der erste Ast vom Gewicht befreit ist, haben die mich weggejagt. Aber Mirko, um den kümmert sich niemand. Der kann in aller Ruhe auf Dir herumklettern und so lange von einer Stelle zur anderen springen, bis kaum noch Schnee zu sehen ist. Vertraue mir“.

Mirko sah mit Schrecken, was Julia von ihm verlangte. Er hasste Schnee und die Vorstellung, dass Massen von dem kalten Zeug auf sein warmes Fell fallen würden, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Aber um Julia einen Gefallen zu tun, war Mirko auch dazu bereit. Außerdem hatte sie ihm ein großes Stück gebratene Leber versprochen, wenn sie mit dem Ergebnis seiner Turnerei zufrieden sein würde.

Der Schnee rieselte von fast allen Nadeln herab, nur ein kleiner weißer Schatten blieb am Baum hängen.
Genüsslich streckte die Tanne ihre gekrümmten Glieder aus und zeigte sich in voller Pracht.
„Beeindruckend siehst Du aus, richtig majestätisch. Neben so einem schönen Weihnachtsbaum fand noch nie das Krippenspiel statt“, dachte Julia anerkennend.
„Krippenspiel? Gibt es das wirklich? Ich dachte schon, die Spatzen hätten sich das nur ausgedacht, um sich über uns Bäume lustig zu machen. Weil wir uns nicht wehren können, sind die manchmal sehr frech. Machst Du auch bei dem Spiel mit?“
„Du stellst aber viele Fragen. Um mitzuspielen bin ich noch zu jung.
Jetzt muss ich mich aber beeilen, gleich kommen die Gemeindearbeiter. Sie sperren den Platz ab, um ungestört die Kulisse aufzustellen. Außerdem wartet Mirko auf seine Belohnung.“
„Und was ist mit den Sternsingern?“, fragte die Tanne noch schnell hinterher.
„Gesungen wird wenn Weihnachten vorbei ist. Wir treffen uns bei Dir, teilen uns in Gruppen ein und ziehen dann in verschiedenen Richtungen durch den ganzen Ort.“
„Wir?“
„Ich bin auch dabei. Sternsinger sammeln für Not leidende Kinder auf der ganzen Welt, da darf ich mitsingen. Jetzt muss ich aber los.“
Bevor die Tanne noch mehr Fragen stellen konnte, rief Julia ihren Mirko zu sich und ging mit ihm nach Hause.

Kaum war das Mädchen außer Sichtweite, kamen die Männer mit den notwendigen Aufbauten für das Schauspiel.
Interessiert sah die Tanne zu. Bei dem ganzen Lärm, den die Arbeiter verursachten, fiel es ihr gar nicht auf, dass es aufgehört hatte zu schneien.
Nach und nach strömten neugierig gewordene Menschen herbei. Die meisten von ihnen bewunderten den geraden Wuchs und die dichten Zweige des diesjährigen Weihnachtsbaumes.

Es wurde dunkel, bald sollte das Krippenspiel beginnen.
Am Himmel funkelten Sterne wie Juwelen. Weihnachtliche Musik erklang und lockte die Einwohner zur Mitte des Marktplatzes.
Mit glitzernden Girlanden geschmückt stand die Tanne im Mittelpunkt des Geschehens. Stolz und glücklich genoss sie ihren Ehrenplatz.

Am folgenden Tag ging Julia zum Marktplatz um zu erfahren, wie dem Baum das Krippenspiel gefallen hat.
„Es war traumhaft schön. Zwar habe ich nicht verstanden um was es da ging, doch ich fühlte, wie die Menschen von der ganzen Atmosphäre verzaubert wurden. Es fehlte nicht viel und ich hätte mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Komm näher zu mir, ich möchte Dir etwas geben“, bat die Tanne.
Als Julia die ersten Zweige berühren konnte, fielen Schuppen und geflügelte Samen aus den Tannenzapfen heraus.
„Was soll ich denn damit anfangen?“, fragte Julia erstaunt
„Wir Tannenbäume vermehren uns immer so. Hebe bitte einige Samen auf, nimm sie mit und setze möglichst viele von ihnen in die Erde am Waldrand. Nicht alle werden keimen, deshalb streuen wir auch so viele aus. Am Liebsten wäre es mir, Du könntest zur Tannenschonung gehen, wo ich gefällt wurde. So könnten meine Kinder unter ihresgleichen aufwachsen. Tust Du mir den Gefallen?“

Julia griff in ihre Manteltasche und holte eine fast leer gefutterte Tüte mit Gummibärchen hervor. Sie stopfte die restlichen Süßigkeiten in den Mund und sammelte alles auf, was in ihrer Reichweite lag.
Als nichts mehr im Schnee lag versprach sie, die Samen an der gewünschten Stelle einzupflanzen.
Die Tanne war erleichtert.
„Weißt Du, mit jedem Keimling werde ich weiterleben. Das ist nun Mal in der Natur so. Nichts geht verloren. Alles kommt wieder, nur in veränderter Form. Noch habe ich genügend Saft im Stamm, um meine Zweige aufrecht zu halten. Aber bald ist er aufgebraucht. Täglich verliere ich mehr Kraft und werde müde. Bevor alle Nadeln abfallen, habe ich nur noch den Wunsch vom Feuer in die Luft getragen zu werden.“
Als Julias das hörte, glänzten Tränen in ihren Augen.
„He, Kleine, nicht weinen. So ist das Schicksal der Bäume.
Euer Weihnachtsfest war das schönste Ereignis, dass ich mir vorstellen kann.
Mit meinen letzten Energiereserven werde ich noch einige Tage durchhalten und auf die Sternsinger warten. Aber dann muss Schluss sein.
Mein Holz trocknet aus und sehnt sich nach Hitze, die es in Rauch aufgehen lässt. Kannst Du das verstehen?“

„So lange Du noch bei uns bist wünsche ich Dir schöne Feiertage “, übertrug Julia in Gedanken.
„Dir wünsche ich auch ein gesegnetes Weihnachtsfest.“
„Wo hast Du denn den Spruch her?“
„Ach, den habe ich gestern beim Krippenspiel aufgeschnappt. Ich gebe ihn an Dir weiter, weil er mir so gut gefallen hat."

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